Die unterschätzte Variable im Insolvenzverfahren: Mitarbeiter
- Katharina Heinschke
- 18. Feb.
- 4 Min. Lesezeit

Wenn ich an Insolvenzverfahren denke, sehe ich immer, wie viel Energie in die Struktur fließt – und ich verstehe das. Die Geschäftsführung, die Berater, alle sind darauf fokussiert, die wirtschaftliche Seite sauber zu regeln, Risiken zu minimieren und das Verfahren möglichst sauber durchzubringen. Jeder Schritt ist durchdacht, jede Entscheidung hat Konsequenzen, alles ist auf Stabilität im System ausgelegt.
Aber dann schaue ich auf die Mitarbeiter – und da passiert etwas ganz anderes.
Für sie ist das nicht einfach ein Geschäftsprozess. Für sie ist es ihre Existenz. Es ist ihr Einkommen, ihre Sicherheit, ihre Zukunft, oft auch ein Stück Identität. Und genau an dieser Stelle entsteht eine Lücke, die ich in der Praxis immer wieder sehe.
Denn während oben strukturiert gearbeitet wird, fehlt unten oft die Einordnung.
Und wenn ich sehe, wie wenig Mitarbeiter oft wirklich verstehen oder wie komplex die Informationen sind, die sie bekommen, dann ist es kein Wunder, dass sich Unsicherheit breitmacht. Viele dieser Informationsmails sind fachlich korrekt, aber sie erreichen die Menschen nicht. Sie beantworten nicht die eigentlichen Fragen, die im Kopf entstehen.
Was bedeutet das für mich?
Bin ich betroffen?
Wie sicher ist mein Arbeitsplatz wirklich?
Was passiert als Nächstes?
Wenn diese Fragen offen bleiben, passiert etwas ganz Natürliches: Der Kopf beginnt, die Lücken selbst zu füllen.
In Gesprächen mit Mitarbeitern aus insolventen Unternehmen höre ich immer wieder denselben Satz:„Warum erzählt man uns nichts? Es werden zwar Informationen rausgegeben, aber keiner kümmert sich darum, dass ich das verstehe. Vielleicht kann ich ja auch etwas tun.“
Und genau darin liegt etwas, das häufig völlig unterschätzt wird.
Das ist kein Wunschdenken. Gerade die Mitarbeiter sind diejenigen, die viel bewegen können. Sie sitzen nah an den Menschen, mit denen und für die sie arbeiten. Sie erleben die Realität des Unternehmens jeden Tag. Und sie sind es, die nach außen tragen, was innen passiert.
Nicht das Marketing.
Nicht der Vertrieb.
Nicht die Geschäftsführung.
Der Mitarbeiter ist das eigentliche Sprachrohr nach außen.
Ich bin fest davon überzeugt, dass genau hier ein enormes Potenzial liegt. Wenn Mitarbeiter mehr Gehör finden, wenn ihre Existenzängste ernst genommen werden und wenn man ihnen einen Rahmen gibt, dann entsteht gerade in Insolvenz- und Sanierungsverfahren etwas, das viele nicht auf dem Schirm haben: eine aktive, tragende Kraft im System.
Ich denke dabei an all die Situationen, in denen Mitarbeiter vorschnell kündigen – nicht, weil es notwendig wäre, sondern weil niemand da war, der ihnen erklärt hat, was wirklich passiert. Dieser Reflex, lieber selbst zu gehen, bevor man gekündigt wird, ist kein strategischer Schritt. Er entsteht aus dem Bedürfnis heraus, wieder Kontrolle zu bekommen.
Und genau das ist der Punkt: Kontrolle.
Ich erlebe immer wieder, dass Mitarbeiter sich in diesen Phasen komplett ausgeliefert fühlen. Entscheidungen werden getroffen, ohne dass sie Einfluss haben. Prozesse laufen, ohne dass sie sie verstehen. Und gleichzeitig wird von ihnen erwartet, dass sie weiter funktionieren.
Diese Kombination ist hochkritisch.
Ich denke oft an die Krankenstände, die dann plötzlich steigen. Und für mich sind das keine abstrakten Zahlen, sondern ein sehr klares Signal. Es ist das, was passiert, wenn Menschen dauerhaft unter Spannung stehen und keine Möglichkeit haben, diese einzuordnen oder zu verarbeiten. Der Körper reagiert irgendwann, wenn der Kopf keinen Ausweg mehr findet.
Und dann entsteht eine Dynamik, die viele unterschätzen.
Gerüchte beginnen zu zirkulieren. Einzelne Aussagen werden überinterpretiert. Halbwissen entwickelt sich zu vermeintlichen Fakten. Und plötzlich entsteht im Unternehmen eine zweite Realität, die mit dem eigentlichen Verfahren nur noch bedingt etwas zu tun hat.
Das Problem daran ist nicht nur die Unruhe.
Das Problem ist, dass diese Dynamik handlungsleitend wird.
Mitarbeiter ziehen sich zurück.
Kommunikation wird vorsichtiger oder bricht ganz ab.
Verantwortung wird vermieden.
Nicht aus mangelnder Bereitschaft – sondern aus Unsicherheit.
Und genau an diesem Punkt stelle ich mir immer wieder die gleiche Frage:
Wie soll ein Sanierungsplan am Ende aufgehen, wenn genau die Menschen, die ihn umsetzen sollen, innerlich längst ausgestiegen sind?
Was mir dabei klar geworden ist: Es reicht nicht, Informationen bereitzustellen. Informationen allein schaffen keine Sicherheit. Sicherheit entsteht erst dann, wenn Menschen verstehen, was sie hören – und wenn sie die Möglichkeit haben, es einzuordnen.
Es geht also nicht nur um Kommunikation.
Es geht um Übersetzung.
Darum, Inhalte so aufzubereiten, dass sie in der Realität der Mitarbeiter ankommen. Darum, Räume zu schaffen, in denen Fragen gestellt werden können, ohne dass daraus Nachteile entstehen. Und vor allem darum, jemanden zu haben, der beide Seiten versteht – die Struktur des Verfahrens und die psychischen Reaktionen darauf.
Ich habe oft erlebt, dass genau an dieser Stelle eine professionelle Begleitung den Unterschied macht. Nicht, weil sie alles verändert, sondern weil sie früh ansetzt. Sie greift ein, bevor sich Unsicherheit festsetzt. Sie ordnet ein, bevor Gerüchte entstehen. Und sie stabilisiert, bevor Systeme kippen.
Das wirkt nach außen oft unspektakulär, hat aber eine enorme Wirkung im Inneren des Unternehmens.
Denn plötzlich werden Dinge wieder greifbar.
Mitarbeiter verstehen Zusammenhänge.
Die emotionale Lage beruhigt sich.
Und damit verändert sich auch das Verhalten.
Die Zusammenarbeit wird wieder verlässlicher.
Die Kommunikation wird klarer.
Die Bereitschaft, den Prozess mitzutragen, steigt.
Was ich dabei immer wieder beobachte, ist etwas, das oft unterschätzt wird: Mitarbeiter wollen nicht automatisch gehen, wenn es schwierig wird. Im Gegenteil. Wenn sie sich zugehörig fühlen und verstehen, was passiert, sind viele bereit, durch genau solche Phasen mitzugehen.
Aber dafür müssen sie mitgenommen werden.
Am Ende denke ich immer wieder: Es sind nicht die Zahlen, die den Plan umsetzen. Es sind die Menschen. Und diese Menschen entscheiden nicht nur rational, sondern vor allem auf Basis dessen, wie sicher oder unsicher sie sich in einer Situation fühlen.
Wenn wir sie in dieser Phase stabilisieren, passiert etwas Entscheidendes:
Sie bleiben nicht nur – sie werden Teil der Lösung.
Und genau das ist der Punkt, den viele unterschätzen.
Katharina Heinschke, 18.02.2026


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